117,300€ Der Aktienkurs fiel um -0,93 %   01.03.2024 17:35

Interview mit dem Vorsitzenden und CEO

Xavier Huillard,
Präsident und geschäftsführender Generaldirektor von VINCI 

„DER KLIMANOTSTAND ERFORDERT SOFORTIGES HANDELN. FOLGLICH WIRD DIESE LANGZEITFRAGE ZU EINEM AUCH KURZFRISTIG AKUTEN ANLIEGEN. FÜR EINEN KONZERN, WIE DEN UNSEREN, ERÖFFNEN SICH DADURCH NEUE PERSPEKTIVEN VON IMMENSEM AUSMASS, SO GREIFBAR WIE NOCH NIE.“

Wie würden Sie die von VINCI 2023 erreichte Leistung bezeichnen?

Es ist eine solide Leistung. Denn im Umfeld ungewisser wirtschaftlicher und geopolitischer Rahmenbedingungen ist es gelungen, unseren Wachstumskurs fortzusetzen und Umsatz, Betriebsergebnis und – trotz deutlich gestiegener Finanzierungskosten – auch den Reingewinn zu steigern. Hervorzuheben ist auch, dass der freie Cashflow den 2022 erreichten Rekordwert erneut deutlich übertroffen hat und somit den Spielraum für weiteres Wachstum stärkt.
Diese Ergebnisse sind Ausdruck eines gut geführten Konzerns mit einem Organisations- und Managementmodell, das als Faktor zur Förderung der operativen Leistung jeder einzelnen Konzerneinheit und jedes Teams greift. Wir sind agile Unternehmer. Und das ist ein erheblicher Vorteil in Zeiten großer Veränderungen. Dass wir uns so gut behaupten, ist auch unserem Geschäftsmodell zu verdanken, das von Anbeginn an einen konstanten Rahmen bildet und kontinuierlich ausgebaut wird. Es hat nichts an Relevanz verloren. Denn mit den drei großen Standbeinen des Konzerns – Verkehrsinfrastruktur-Konzessionen, Energie und Bau – stehen wir im Mittelpunkt der Herausforderungen der heutigen Welt, was sich in den aktuellen Kennzahlen und noch stärker in den Wachstumsperspektiven widerspiegelt. Unsere Widerstandskraft ist auch einer stärkeren geografischen Streuung zuzuschreiben. Eine entschlossene Internationalisierungspolitik fand ihren Niederschlag in einem außerhalb von Frankreich erzielten Anteil am Umsatz, der in den letzten zehn Jahren von 37% auf heute 57% gestiegen ist.

VINCI expandiert auch mit Nachdruck im Energiesektor. Wie hat sich das 2023 ausgewirkt?

Auch da haben wir in Geschäftsfeldern, die bei VINCI früher eine geringere Rolle spielten, eine Global Player-Position erreicht. Sie ist der beeindruckenden Entwicklung von VINCI Energies in den letzten zwanzig Jahren und, in jüngerer Zeit, dem 2021 erfolgten Neuzugang von Cobra IS zu verdanken. 2023 hat unsere Energiebranche fast 13% organisches Wachstum verzeichnet.
Die Umsatzerlöse in dieser Sparte reichen heute an unser Stammgeschäft im Bausektor heran. Mit ihrem Know-how in allen Teilbereichen von der Erzeugung über die Übertragung und Verteilung bis hin zur Nutzung von Strom können VINCI Energies und Cobra IS in vollem Umfang von der Energiewende profitieren. Darüber hinaus sind wir dabei, unsere Präsenz in den vor- und nachgelagerten Gliedern dieser Wertschöpfungskette zu verstärken. Wir übernehmen auch die Finanzierung, die Entwicklung und den Betrieb von Erneuerbare-Energie-Anlagen. Ein Beispiel dafür ist der Mega-Photovoltaikpark, den wir im Juli 2023 in São José do Belmonte in Brasilien in Betrieb genommen haben.Generell eröffnen sich durch die an Fahrt gewinnende Energiewende und den digitalen Wandel für VINCI Energies und Cobra IS neue Wachstumschancen, nicht nur im Energieinfrastruktursektor, sondern auch in anderen Zweigen, die mit denselben Herausforderungen konfrontiert sind, von der Industrie über die Gebäudetechnik bis hin zu den Informationstechnologien./p>

Wie gestaltete sich die Leistung des umsatzstärksten Konzernbereichs VINCI Construction?

Trotz einer weiterhin strengen Auswahl bei der Projektakquise erzielte VINCI Construction ein Umsatzplus, insbesondere einen Anstieg im Auslandsumsatz, den bisherigen Höchststand im betrieblichen Ertrag sowie ein höheres Neuauftragsvolumen. Zu dieser Leistung haben sowohl das laufende Geschäft auf den wichtigsten Stammmärkten, unsere Kompetenz bei der Ausführung von Großprojekten, darunter den weltweit größten, die derzeit gebaut werden, als auch die fachliche Expertise unserer Spezialbaubereiche beigetragen, die ebenfalls weltweit Maßstäbe setzen.
Die Energie- und Umweltwende führt auch bei unseren Bauunternehmen zu einem wachsenden Projektvolumen, sei es im Bereich einer umweltfreundlichen Nahverkehrsinfrastruktur wie dem Grand Paris Express in Frankreich oder der Schnellfahrstrecke HS2 in Großbritannien beziehungsweise bei Tiefbauarbeiten im Zusammenhang mit Wasser- und Energieinfrastrukturen, wie z. B. Pumpspeicherkraftwerken oder Klimaschutzbauten.
Im Hochbau geht es darum, die Energiewende voranzutreiben und Arbeits-, Wohn- und Lebensräume an neue Nutzungsformen anzupassen. Dieser Bedarf führt zu einem immer größeren Anteil an Sanierungsprojekten. Dieselben Langzeittrends gelten auch für unser Bauträgergeschäft. Zwar steckt dieser Sektor in Frankreich derzeit in einer schweren Krise, doch durch die Positionierung von VINCI Immobilier als führender Entwickler von Stadterneuerungsprojekten schaffen wir die Voraussetzungen für einen langfristigen Aufschwung und passen gleichzeitig unsere Organisation und unser Angebot an, um dem Gegenwind in dieser Konjunkturkrise standzuhalten.

Welche Perspektiven zeichnen sich für die kommenden Jahre ab?

Unsere Perspektiven ergeben sich in direkter Folge aus den aktuellen Trends: im Bereich Konzessionen ist die Nachfrage nach Mobilität überall auf der Welt höher denn je zuvor; im Hoch-, Tief- und Kommunalbau gibt es einen ständigen Erneuerungsbedarf, wie es der Rekordstand unserer Auftragsbücher belegt; im Energiesektor heißt es, auf emissionsarme Energien umzustellen und massiv die Elektrifizierung der Wirtschaft voranzutreiben.
Diese Trends dürften unseren Wachstumspfad in den kommenden Jahren prägen, zumal unsere solide Finanzlage günstige Voraussetzungen für ein solches Wachstum schafft. Erhebliche Wachstumschancen bietet auch die „Mutter aller Schlachten“ in Form von Klimaschutzmaßnahmen, zu denen sämtliche Konzernbereiche einen wichtigen Beitrag leisten können. Der Klimanotstand erfordert sofortiges Handeln. Folglich wird diese Langzeitfrage zu einem auch kurzfristig akuten Anliegen. Für einen Konzern, wie den unseren, eröffnen sich dadurch neue Perspektiven von immensem Ausmaß, so greifbar wie noch nie.
Mit Blick auf diese beiden Zeithorizonte haben wir zu Beginn der 2020er Jahre unsere neue Umweltpolitik mit dem Ziel festgelegt, unsere Eigenemissionen zu reduzieren und angesichts all dessen, was über unsere Tätigkeit bewirkt werden kann, einen aktiven Beitrag zur Energie- und Umweltwende in den Bereichen Lebensumfeld, Infrastrukturen und Mobilität zu leisten.

Und was machen Sie konkret, um diese Umweltwende herbeizuführen?

Neben strategischen Beschlüssen wie die Stärkung unserer Energiesparte, um beim Grünstromausbau in maßgeblicher Position präsent zu sein, sind in allen Geschäftsbereichen und Angeboten tiefgreifende Veränderungen im Gang. Emissionsarm bauen, Altmaterial wiederverwenden, Energieeffizienz mit Kurs auf Passivhausstandard – all das wird von unseren Bauunternehmen bereits praktiziert. Wir sind auch auf bestem Wege, unser ehrgeiziges Ziel zu erreichen, und zwar bis 2030 bei 90% unserer Projekte CO2-armen Beton einzusetzen.Im Bereich Autobahnkonzessionen installieren wir auf allen Rastplätzen im Autobahnnetz von VINCI Autoroutes Hochleistungs-Ladestationen, um so die Elektromobilität auch im Langstreckenverkehr voranzutreiben.
Darüber hinaus wird auf unseren Konzessionsautobahnen dynamisches Laden für den Schwerverkehr per Induktion oder Stromschienen erprobt. Damit unterstützen wir die Entwicklung von Technologien, mit denen künftig ein CO2-armer Güterverkehr ermöglicht wird.Im Flughafensektor haben wir, insbesondere dank Solarstromanlagen auf dem Flughafengelände, bereits große Fortschritte in Richtung „Netto-Null-Emission“ erzielt. Für einen emissionsarmen Flugverkehr arbeiten wir zusammen mit unseren Partnern, den Fluggesellschaften, und der Industrie an Alternativkraftstoffen, zunächst Biokraftstoffen und später Wasserstoff.
Wir sind die Energiewende mit voller Kraft angegangen und fest entschlossen, sie gemeinsam mit allen Partnern unseres Umfelds voranzutreiben, damit bis 2050 die angepeilte Klimaneutralität gemäß den Verpflichtungen Frankreichs, der Europäischen Union und der meisten Staaten der Welt erreicht wird. Das erfordert erhebliche Investitionen in Verkehrsinfrastrukturen und Energienetze, die nicht allein aus den öffentlichen Haushalten bestritten werden können. Es werden dafür zwangsläufig öffentlich-private Partnerschaften vonnöten sein. Auch hier zeigt sich die Richtigkeit unseres Geschäftsmodells, das Konzessionen und Bautätigkeit, d.h. lange und kurze Laufzeiten, miteinander verbindet.

Wie sehen Sie, kurz zusammengefasst, diese grundlegenden Veränderungen?

Für unsere Tätigkeitsbereiche hat eine Zeit mit dauerhaft günstigen Vorzeichen begonnen.Wir können der Zukunft daher mit Zuversicht und Gelassenheit entgegensehen und sie entschlossen angehen. Die Richtschnur, an die wir uns seit jeher halten, ist das Streben nach Gesamtleistung. Und das macht angesichts der Herausforderungen, mit denen unsere Welt heute konfrontiert ist, eindeutig Sinn. Wir wollen daher unseren Wachstumskurs fortsetzen und damit zugleich für unsere Unternehmen, unsere Mitarbeitenden und unseren Planeten Positives bewirken.

Letzte Aktualisierung: 14. 03. 2023